"Entscheidend ist das System" - Florian Kehrmann im Echo-Interview

Die neue Ausgabe des ECHO ist da! WIr blicken Voraus auf die letzten beiden Heimspiele gegen die SG Flensburg-Handewitt (05.06., 16:05 Uhr) und Hamburg (12.06., 15:30 Uhr), nehmen die Gegner im Gästecheck unter die Lupe und werfen zudem einen Blick zurück auf die Saison 2021/22. U.a. hat sich die ECHO-Redaktion auch mit Trainer Florian Kehrmann unterhalten.

Das komplette Interview findet ihr im ECHO auf Seite 46 und 47. Hier klicken um zur aktuellen Ausgabe zu kommen.

 

Hi, Flo! Wenn die Saison zum Zeitpunkt dieses Gesprächs beendet wäre, wie würde dein Fazit ausfallen?

Kehrmann: Ich denke, wir würden mit einem sehr positiven Gefühl aus der Saison gehen. Wir haben ein großes Abenteuer hinter uns, waren lange in drei Wettbewerben vertreten. Wieder ins Final4 zu kommen, war ein ganz besonderes Erlebnis. Wir konnten unsere Leistung aus dem Vorjahr fast bestätigen, sind nur knapp an einer neuen Sensation gescheitert. Aber auch das Achtelfinale gegen Berlin und das Viertelfinale gegen Melsungen waren schon absolute Highlight-Spiele, die wir als Underdog für uns entschieden haben.

Überwiegt am Ende auch beim Thema European League mehr der Stolz über das Erreichte, als die Enttäuschung über das letztlich knappe Ausscheiden gegen Wisla Plock?

Kehrmann: Absolut. Am Ende sind wir im Achtelfinale an einer schlechten Halbzeit gescheitert. Daher sind wir erhobenen Hauptes ausgeschieden. Auch die Ergebnisse aus der Vorrunde haben gezeigt, dass wir nicht nur mithalten, sondern bis auf Benfica Lissabon (29:30 und 30:35, Anm. d. Red.) auch gegen jeden dieser Gegner punkten konnten. Sportlich haben wir uns in der schwersten Gruppe sehr gut verkauft. Darüber hinaus die vielen Reisen, die spannenden Gegner und der enge Spielplan mit den oft kurzen Pausen – all das waren schöne Erlebnisse und wertvolle Erfahrungen für die Jungs.

Was bleibt dir aus dieser Bundesligasaison hängen?

Kehrmann: Natürlich stechen immer Spiele heraus, in denen man gegen Top-Mannschaften etwas Zählbares holen konnte. Was statt Ergebnissen aber eigentlich herausstechen sollte, ist die Konstanz, die wir an Tag gelegt haben, wenn es wirklich darauf ankam. Natürlich waren auch enttäuschende Spiele dabei. Aber die Liga hat in diesem Jahr einmal mehr gezeigt, wie schwer es bei dieser Ausgeglichenheit ist, wirklich in jedem Spiel zu punkten. Aus diesem Grund waren wir auch gegen Gegner von oben nicht chancenlos. Das spricht für die Bundesliga, aber auch für uns. Wir haben in Spielen gepunktet, in denen man uns das nicht unbedingt zugetraut hätte. Dazu gehören eben das Remis gegen Kiel (21:21, d. Red.) in der Hinrunde oder die 4:0-Bilanz gegen die Rhein-Neckar Löwen.

Der Abstiegskampf spitzt sich zu. Zwischen Balingen und Minden ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wie sehr würde es dich freuen, wenn zumindest ein OWL-Derby erhalten bliebe?

Kehrmann: Ich will da ungern Partei ergreifen, ich schätze beide Trainer sehr. Am Ende soll der Bessere drinbleiben. Gewissermaßen haben wir schon Nachbarschaftshilfe geleistet, weil wir gegen Balingen immerhin beide Spiele gewonnen haben (lacht). Aber: Das wird noch ein enges Ding bis zum Ende. Natürlich gibt es aus unserer Sicht Aspekte, die dafürsprechen, dass Minden in der Liga bleiben sollte. Man hat eine kurze Auswärtsfahrt, ein Traditionsduell von regional bedeutendem Wert. Aber auch gegen Balingen waren es vor allem auswärts immer besondere Kampfspiele. Leider ist Lübbecke nach einer ordentlichen Hinrunde zum Ende auch wegen ein paar Verletzungen die Luft ausgegangen und hat kaum mehr eine Chance, die Klasse zu halten.

Wer gehört für dich zu den positiven Überraschungen in dieser Saison?

Kehrmann: Als erstes natürlich Magdeburg. Dass sie die Liga mit diesem Abstand vor Kiel, Flensburg und Berlin bestimmen, hat niemand erwartet. In wichtigen Phasen hatten sie auch das Glück auf ihrer Seite. Positiv zu erwähnen sind auch die Füchse Berlin, die trotz ihrer vielen Verletzungsprobleme noch um Platz zwei mitspielen. Auch Wetzlar und uns würde ich dazuzählen, die unter den jeweiligen Möglichkeiten positiv überrascht haben. Da gibt es Mannschaften mit höheren Etats, mit mehr individueller Klasse, die weiter unten zu finden sind.

Mit Gummersbach steht der erste Aufsteiger bereits fest. Im Kampf um Platz zwei streiten sich Hamm, Nordhorn und Eisenach. Wer macht das Rennen?

Kehrmann: Ich schätze, dass das Bundesliga-erfahrenere Nordhorn den längeren Atem haben wird – obwohl sich die HSG und Hamm zuletzt gegenseitig beim Verlieren zugeschaut haben. Für Eisenach steht das entscheidende Spiel noch bevor: Wenn sie nach Nordhorn auch Hamm schlagen, sind sie mit in der Verlosung (Stand: 18.05.).

Mit Fynn Hangstein mischt nicht nur ein Lemgoer Eigengewächs im Aufstiegsrennen
mit, sondern führt die Torschützenliste der 2. Liga an. Wie sehr freut dich das für ihn?

Kehrmann: Es freut mich immer, wenn von uns ausgebildete Spieler auch woanders gute Leistungen bringen. Dementsprechend freue ich mich auch für Fynn, der bei uns alle Jugendmannschaften durchlaufen hat. Wir haben ihm damals gesagt, dass er diesen Schritt machen muss, um robuster zu werden und mehr Verantwortung zu bekommen. Das ist eingetreten. Was mir nicht so gut gefällt, ist, dass er noch nicht körperbetont Abwehr spielen muss. Da muss er hinkommen, wenn er auch in der 1. Bundesliga eine tragende Rolle haben möchte. Zuletzt hat ein gewisser Lukas Zerbe über die 2. Liga zurück zum TBV gefunden... Diesen Weg hätte ich mir ehrlicherweise auch bei Dani Baijens gut vorstellen können. Leider kam uns Hamburg zuvor (lacht). Er hat in Hamm jedenfalls den entscheidenden Entwicklungsschritt gemacht, ist im Angriffsspiel der Chef, hat aber auch seine Rolle in der Abwehr angenommen. Aber so ist das im Sport: Man kann nicht immer jeden zurückholen, sondern muss den Jungs auch etwas mitgeben, das sie in andere Vereine übertragen können.

Lukas Zerbe wurde in dieser Saison zum Nationalspieler. Wie siehst du seine Entwicklung?

Kehrmann: Lukas hat sich persönlich immer weiterentwickelt, in der Abwehr eine wichtige Rolle eingenommen, ist aber auch im Angriff noch kaltschnäuziger geworden. Er ist jemand, der den Profisport lebt und immer Vollgas gibt. Trotzdem ist Lukas im Kopf sehr geerdet, hebt nie ab und ist sich für nichts zu schade. Es kam nicht von ungefähr, dass er nach den
Ausfällen von Isaias und Andrej die Mannschaft gegen Stuttgart als Kapitän aufs Feld geführt hat. Wir haben volles Vertrauen in ihn. Einerseits ist seine Entwicklung toll mitanzusehen, andererseits wird er nicht bis zum Karriereende in Lemgo spielen. Natürlich klopfen größere Vereine an – was auch gut ist und wo ich voll hinter stehe. Schließlich ist auch das immer eine Bestätigung unserer guten Ausbildung.

Mit Frederik Simak auf der Position des Kreisläufers hast du eine Not zur Tugend
gemacht...

Kehrmann: Wir haben durch den Abgang von Marcel Timm ein Vakuum gehabt. Für Freddy spricht, dass er wirklich überall flexibel einsetzbar ist. Auch in der Abwehr kann er sowohl im Innenblock als auch auf den Halbpositionen decken und hat ein gutes Umschaltspiel. Nicht zuletzt haben wir so einen Angriff-/Abwehrwechsel weniger. Dass er das vorne so gut hinbekommt, hängt sicherlich damit zusammen, dass er das Spiel und die Abläufe grundsätzlich gut versteht. Als Rückraumspieler hat man ein Gespür dafür, welche Räume ein Kreisläufer für sich nutzen kann. Oft fehlt ihm noch diese Körperlichkeit am Kreis und vielleicht auch die Unterstützung durch Sperren für den Rückraum. Aber wenn Lücken entstehen, erkennt er sie gut.

Wie haben sich Lukas Hutecek und Kian Schwarzer in ihrer ersten Saison beim TBV
gemacht?

Kehrmann: Für Kian ist es grundsätzlich eine undankbare Aufgabe. Im Moment geht kaum ein Weg an Bjarki vorbei, der hier zu gern als Torschützenkönig abtreten würde. Dieses Vorhaben kann ich ihm in dieser Phase nicht verbauen. Das ist auch ein Titel, den die Mannschaft mitverdient, daher würde es alle freuen, wenn Bjarki am Ende Erster wird. Für Kian spricht, dass er seine Sache ordentlich macht, wenn er die Chance bekommt, wie zum Beispiel in der European League. Er wird sich mit Samuel Zehnder und Leve Carstensen (Team HandbALL, d. Red.), den wir näher heranführen wollen, einen heißen Kampf liefern. Mit „Hutis“ Entwicklung bin ich sehr zufrieden. Das erste Jahr als hoch veranlagter Rückraumlinker ist immer sehr schwer. Wenn er gut drin war, warfen ihn Verletzungen leider zurück. Das war zweimal der Fall und er brauchte Zeit, um wieder reinzukommen. Jetzt macht er es von Spiel zu Spiel besser, wird immer wichtiger. Im nächsten Jahr wird ihm eine noch zentralere Rolle zuteilwerden.

Du sprichst es an: Einige Leistungsträger werden Lemgo verlassen. Mitunter auch Andrej Kogut, der über Jahre dein verlängerter Arm auf dem Spielfeld war. Seit Februar ist er aufgrund seiner Herzmuskelentzündung zum Zuschauen gezwungen. Wie sehr tut dir dies auch persönlich leid?
Kehrmann: Natürlich nimmt einen das als Trainer mit. Wir kennen uns schon so lange. Andrej hat sich hier ungemein persönlich entwickelt, für die Mannschaft die Chefrolle angenommen, obwohl er sich damit anfangs nicht ganz wohlgefühlt hat. Das letzte Jahr mit Pokalsieg und Europa, damit hatte er in seiner Profikarriere auch nicht mehr gerechnet. Natürlich waren die ersten Wochen nach der Diagnose sehr schwer. Man hat gekämpft, gehofft und war dann gewissermaßen niedergeschlagen – auch ich als Trainer. Im Moment hilft er der Mannschaft aber ungemein als Anker, unterstützt sie und nimmt diese Rolle voll an. Auch das sind wichtige Entwicklungsschritte für die Zeit nach dem Profihandball.

Wie stehen die Chancen, ihn in dieser Saison vielleicht noch einmal auf der Platte zu sehen?

HIER GEHT ES ZUM KOMPLETTEN INTERVIEW.

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